Ökologische Mobilität geht schon heute



4. Juli 2019 agvs-upsa.ch – Die Elektromobilität wird ihren Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen im motorisierten Individualverkehr leisten. Aber sie kann die Klimaziele nicht allein erreichen. Am «Symposium für nachhaltige Mobilität» rückte eine Technologie in den Vordergrund, auf die derzeit vor allem der VW-Konzern setzt.


pd/sco. Über 160 Teilnehmende – Vertreter von Wissenschaft, Behörden, Medien, Importeuren und AGVS sowie auch einige Garagisten – waren der Einladung der Umwelt Arena Schweiz nach Spreitenbach gefolgt. Auf dem Programm stand eine technologieneutrale, unideologische Diskussion über den Individualverkehr und vor allem, wie dieser seinen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten kann. Dass die Politik Handlungsbedarf sieht, wurde vom Bund am gleichen Tag in Erinnerung gerufen: Das Bundesamt für Energie (BFE) veröffentlichte wenige Stunden vor Beginn des Symposiums eine News, dass der Treibstoffverbrauch und die CO2-Emissionen von neuen Personenwagen im Jahr 2018 deutlich zugenommen haben. Eine fast schon ironische Einleitung zur Tagung in Spreitenbach.

Der Umstieg von konventionellen auf alternative Antriebe hat begonnen. Aktuell fahren rund 110'000 oder 2,5 Prozent aller Personenwagen in der Schweiz mit alternativen Antrieben. Der grösste Teil sind Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge, dazu kommen 18'000 Elektro- und 11'000 CNG-Fahrzeuge (Erdgas und Biogas). Unbestritten ist, dass der Elektromobilität eine wichtige Rolle auf dem Weg in eine ökologische Zukunft zukommt. Bis 2030 strebt das Bundesamt für Energie laut seiner «Programmstrategie EnergieSchweiz 2021 bis 2030» eine Erhöhung des Anteils Elektrofahrzeuge (inkl. Plug-in-Hybrid) bei den Neuwagen auf 38 Prozent an. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass in elf Jahren noch immer 62 Prozent der Neuwagen von Verbrennungsmotoren angetrieben werden. Auch sie können und müssen ihren Beitrag leisten, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. 

Und hier rückte am Symposium in der Umwelt Arena eine Technologie in den Fokus, die bis dato ein Schattendasein fristet: Compressed Natural Gas, kurz CNG. Aktuell setzen Volkswagen und Fiat auf die Technologie, die auf dem Ottomotor basiert. VW wird bis Ende Jahr 19 Modelle verschiedener Marken auf dem Markt haben. Auch Hersteller von Nutzfahrzeugen setzen mehr und mehr auf die Technologie, die aufgrund der bewährten konventionellen Technologie auch für Garagisten interessant ist.

Der CNG-Motor ist eine konventionelle, altbekannte Technologie. Spannend wird er, wenn er mit einer sehr neuen Technologie in Verbindung gebracht wird: Power-to-Gas. Mit Power-to-Gas steht heute eine Technologie zur Verfügung, die massgeblich zur Senkung der CO2-Emissionen im motorisierten Individualverkehr beitragen kann. In der Schweiz besteht das Potenzial, in Zukunft bis zu eine Million Personenwagen mit synthetisch erzeugtem Methan sehr CO2-arm zu betreiben. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) und des Paul Scherrer Instituts (PSI), die im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) erstellt wurde. Methan ist als CNG (Compressed Natural Gas) ein bewährter, sicherer und sauberer Kraftstoff für Verbrennungsmotoren. 

Die Studie untersuchte das Potenzial in der Schweiz, Stromüberschüsse in den Sommermonaten zu nutzen, um elektrische Energie in chemische Energieträger wie Wasserstoff, Methan oder flüssige Kohlenwasserstoffe umzuwandeln. 

«Reduktion der CO2-Emissionen gegenüber Benzin um 70 bis 90 Prozent»
Christian Bach, Abteilungsleiter Fahrzeugantriebssysteme bei der Empa und Mitautor der Studie, präsentierte die Resultate am «Symposium für nachhaltige Mobilität». «Die CO2-Emissionen dieser Million Autos würden gegenüber Benzinfahrzeugen um 70 bis 90 Prozent reduziert», stellte Christian Bach fest. Denn beim Power-to-Gas-Verfahren wird der Atmosphäre zur Herstellung von Methan gleich viel CO2 entzogen, wie bei der Verbrennung wieder freigesetzt wird. Ein CNG-Fahrzeug, das mit erneuerbarem Kraftstoff betrieben wird, befindet sich in seiner Umweltbilanz auf Augenhöhe mit einem Elektrofahrzeug, das mit erneuerbarem Strom geladen wird. Unter diesen Voraussetzungen kam Christian Bach zum Schluss, dass auf kurzen Strecken das Elektrofahrzeug die ideale Lösung ist, auf langen Strecken hingegen Fahrzeuge mit synthetischen Kraftstoffen wie CNG und Bio-Diesel.

«Power-to-Gas kann zu einer Schlüsseltechnologie für Mobilität werden»
Professor Dr. Markus Friedl von der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) ging in seinem Referat auf die Herausforderungen des Schweizer Energiesystems in einer Zukunft ohne fossile Energieträger und ohne Atomkraft ein und bezeichnete Power-to-Gas als «eine Schlüsseltechnologie von morgen». Friedl: «Es ist möglich, die Schweiz zu vertretbaren Kosten mit erneuerbarer Energie zu versorgen.» Power-to-Gas aus erneuerbarem Strom reduziere nicht nur die CO2-Emissionen, sondern auch die Abhängigkeit von Energieimporten aus dem Ausland. Entscheidend seien technologieneutrale und faire Rahmenbedingungen. Im Juni hatte Bundesrätin Simonetta Sommaruga die Power-to-Gas-Anlage der HSR besucht und ihr Interesse an der Technologie bekräftigt.

«Jeder zehnte Personenwagen könnte mit Biogas betrieben werden»
Die Bedeutung der Photovoltaik betonte Walter Schmid, Gründer und Verwaltungsratspräsident der Umwelt Arena Schweiz. «Künftig werden Gebäude auch Energielieferanten sein», sagte er. Walter Schmid wies auch auf das grosse Potenzial von Biogas aus organischen Abfällen hin: «Alleine schon mit der Verwertung aller organischen Abfälle in der Schweiz könnten zehn Prozent der Personenwagen mit Biogas versorgt werden.» 

Coca-Cola Schweiz setzt schon heute auf Erdgas und Biogas als Treibstoff. Der Getränkehersteller nimmt bis November die grösste CNG-Firmenflotte der Schweiz in Betrieb. Insgesamt 180 Personenwagen der Marken Audi, Skoda und VW Nutzfahrzeuge werden Mitarbeitenden sämtlicher Jobstufen zur Verfügung gestellt. Die ersten 70 Autos wird Coca-Cola Ende August in Betrieb nehmen, weitere 110 Fahrzeuge im November dieses Jahres. «Es genügt nicht, nur Getränke zu verkaufen», sagte Patrick Wittweiler, als Country Sustainability Manager bei Coca-Cola Schweiz für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich. 

Verschiedene Antriebstechnologien und Energieträger mit CO2- und Klimaeffekt
Neben Christian Bach, Prof. Dr. Markus Friedl, Walter Schmid und Patrick Wittweiler nahmen Exponenten wie FDP-Nationalrat Thierry Burkart, Andreas Burgener (Direktor Auto-Schweiz) und Christoph Schreyer (Leiter Mobilität beim Bundesamt für Energie) am Symposium in der Umwelt Arena teil. Sie alle waren sich einig: Es geht nicht um die Frage, ob Elektro, Gas oder Wasserstoff besser ist für die Umwelt, sondern darum, wie der kombinierte Einsatz unterschiedlicher Technologien und Energieträger hilft, die CO2- und Klimaziele in der Schweiz zu erreichen.

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